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                                                                     Angelika Wohlfarth

 

 


Familienkonferenz 

 nach den Grundsätzen der Soziokratie

 

Einleitung 
von Gerhard Salger
 
Dort, wo mehrere Menschen zusammen kommen, besonders auch in Partnerschaften und Familien, wird sehr schnell deutlich, dass verschiedene Menschen (auch Partner, auch Eltern und Kinder) gleichzeitig immer verschiedene Bedürfnisse haben. Wenn man von Gleichberechtigung der Menschen und dann natürlich auch der gleichen Wichtigkeit der verschiedenen Bedürfnisse (Anliegen) ausgeht, wird es schwierig, zu gemeinsamen und einvernehmlichen Lösungen zu kommen, ohne dass sich bei einem oder mehreren der Eindruck festsetzt, mit dem eigenen Anliegen auf der Strecke geblieben zu sein.
Die Soziokratie wählt dazu den Weg der Konsent-Entscheidung. Die Lösung ist also das "Nein" in der Runde: "Nein, ich habe keinen schwerwiegenden Einwand gegen die vorgeschlagene Lösung!"
Ein sehr interessanter Weg, der die Eigen-Verantwortung eines jeden Teilnehmers braucht und bewusst macht.
Ein Weg auch, der verständnisvolles, gutes und entwicklungsförderndes Miteinander, das auf die Bedürfnisse aller Beteiligten gleichwertig eingeht, nicht nur möglich macht, sondern ganz natürlich zur Folge hat.
 
Ich wünsche mir, dass diese Möglichkeit in Schulen und Bildungseinrichtungen (besonders auch in Volkshochschulen) gelehrt und praktiziert wird, so dass sie dann nach und nach auch in Familien ihre Gemeinschaft und Frieden stiftende Kraft entfalten kann.
Auch die Ausdehnung auf Politik und Wirtschaft bzw. größere Verbände und Vereine bietet sich an.
 
Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin, Frau Isabell Dierkes, gebe ich im Folgenden deren Einführung und Erläuterungen zur Familienkonferenz nach soziokratischen Grundsätzen wieder.

 

Soziokratie - gemeinsam entschieden, erfolgreich umgesetzt
von Isabell Dierkes - www.soziokratie.com 

In heutigen Lebens- und Arbeitsverhältnissen wünschen sich Leitungsgebende oft ein engagiertes Mitdenken aller Beteiligten und Mitarbeiter mehr Einflussmöglichkeiten. Basierend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Steuern lebendiger Prozesse bietet die Soziokratische Kreisorganisationsmethode (SKM) eine verblüffende Sammlung von Werkzeugen, um unser Zusammenleben und Zusammenarbeiten effektiv zu formen und zu führen.

Im folgenden Beispiel aus der Praxis werden Sie die soziokratische Organisationsstruktur ein wenig nacherleben können.
Was heißt es, auf Grundlage des gleichwertigen Umgangs miteinander und im Austausch mit der Umgebung gemeinsam Entscheidungen zu treffen? Was heißt es, als Chef eine korrigierbare Autorität zu sein? – Wie schafft man es, keine Meinung ignorieren zu dürfen und doch klar zum gemeinsamen Ziel zu führen? Was kann soziale Sicherheit wirklich bedeuten?
Das folgende Praxisbeispiel führt Sie direkt in eine soziokratisch gelebte Situation ein. Sie werden am Ende dazu eine theoretische Erklärung finden. Wenn Sie möchten, dann lesen Sie diesen Theorieteil zuerst. Wirklich begreifen werden Sie die Methode in jedem Falle erst durch ein tiefes, eigenes Erleben.


Eine Familienproblematik

Johannes (14) blickte starr auf die Tasse Tee in seiner Hand. Was er vor ein paar Tagen in der Ankündigung für dieses Treffen gehört hatte, zog ihm den Boden unter den Füßen weg. Mit Mühe hatte er der Eröffnungsrunde folgen können. Sie sollten sagen, wie es ihnen geht. Alle sprachen zögerlich und langsam. Drückende Schwere breitete sich aus.  Als es danach darum ging, den inhaltlichen Teil dieser Versammlung mit nur diesem einen Thema zu beschließen, dachte er: „Was gibt es da schon zu besprechen?“ und nickte die Tagesordnung mechanisch ab. Er fühlte sich so hilflos. Seine Mutter Anna (43) hatte ihr Problem klar und deutlich beschrieben. 

„Papa zieht am 15. Juli zusammen mit Klara aus und wird uns dann noch 1000,- € Unterhalt zahlen. Die Kaltmiete für dieses Haus beträgt 715,- €.  Mit meiner gerade begonnenen Selbständigkeit werde ich kaum etwas zu unserem Lebensunterhalt beitragen können und flexible Teilzeitjobs sind zu rar gesät, als dass ich darauf spekulieren möchte. Aus diesem Grund schlage ich vor, wir suchen uns eine kleine und bezahlbare Wohnung.“

Nun galt es, in der Meinungsrunde seine eigenen Gefühle und Gedanken rund um dieses Thema einzubringen. Die Runde war an ihm. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals und er war den Tränen nah. „Ich... , ich kann hier nicht wegziehen. Das hier ist mein Zuhause. Ich lebe hier solange ich denken kann. - Ich kann mir gar nicht vorstellen, woanders zu leben.“

Der gute Vorsatz

Anna klopfte ebenfalls das Herz. Die blanke Panik stieg in ihr auf. An dieser Stelle konnte sie einfach nicht auf die Gefühle und Bedürfnisse ihrer Kinder Rücksicht nehmen, wie es sonst ihre Absicht war. Die Grenzen dieses vielversprechenden neuen Ansatzes waren erreicht. So dachte sie. Ja, was hatte sie sich eigentlich erhofft, als sie vor knapp einem Jahr diese neue Soziokratische Kreisorganisationsmethode in ihrer Familie eingeführt hatte? Da war von Gleichwertigkeit in der Beschlussfassung die Rede gewesen. Menschen, die von einer Entscheidung betroffen waren, sollten auch die Möglichkeit haben, diese mitzugestalten. 

Nun sah sie, wie schwierig es sein konnte, keine wichtigen Entscheidungen mehr über die Köpfe ihrer Kinder hinweg treffen zu können. Hart forderte diese Methode ihren Tribut. In den letzten Monaten hatten die Kinder Vertrauen gefasst in diese völlig neue Struktur. Auch sie selbst hatte viel gelernt. Darüber, wie ihre Handlungen als Mutter und Hausherrin das Leben und Empfinden ihrer Kinder in weit größerem Maße beeinflusste, als es ihr selbst bewusst war. Die regelmäßigen Familienversammlungen hatten eine Kultur des Zuhörens geschaffen. Manche Gedanken und Gefühle hatten sich offenbart, die früher verborgen und damit für die Qualität wichtiger Entscheidungen ungenutzt geblieben waren. 

Aber nun verließ sie das Vertrauen in die Methode. Als Mutter und Oberste der Restfamilie war sie für das Wohlergehen aller Mitglieder verantwortlich. Wie sollte sie den Einwand ihres Sohnes berücksichtigen? Als die Runde an ihr war, brachte sie mit weichen Knien noch einmal ganz energisch alle ihre guten Argumente vor. Konnte Johannes denn nicht begreifen, dass ein Bleiben unmöglich war? Trotz dieses heftigen Gefühlsausbruchs behielten sie die strenge Form der Runden bei. Es antwortete ihr niemand direkt, aber nun war es an Klara (11), etwas zu sagen. Klara saß vorn über gebeugt am Tisch und begann unter dem Druck dieser schier unerträglichen Spannung zaghaft zu sprechen: „Mama, wenn Papa und ich ausziehen, dann werden hier doch Räume frei. Vielleicht..., vielleicht könntet ihr die vermieten?“ - Schweigen. 

Eine völlig neue Idee! Gedanken und Gefühle wallten auf. Die hohe Spannung hatte eine Richtung erhalten, in die sie sich kreativ entladen konnte. Anna war als Gesprächsleiterin dankbar für die gewisse Routine, die ihre Familie inzwischen gelernt und erfahren hatte. Man konnte den anderen sprechen lassen und sicher sein, dass einem zu gegebener Zeit auch zugehört wurde. Schließlich wurde ja nichts beschlossen, bei dem man nicht mitgehen konnte.

So ging es jetzt mit dieser neuen Information weiter in die Runde. Eine Menge Fragen kamen nach oben, für die es noch keine Antworten gab, aber es lag Hoffnung in der Luft. Am Ende dieser emotional erschöpfenden Sitzung bildeten sie einen Hilfekreis aus den beiden Söhnen Johannes und Niklas (17). Diese bekamen die Liste mit den von ihnen gesammelten Fragen und den Auftrag bis zur nächsten Sitzung ihre Ideen und eventuellen Vorschläge zu formulieren. Anna bekam den Auftrag, sich um die mehr administrativen Fragen zu kümmern und ebenfalls in der nächsten Sitzung zu berichten. 

Umgang mit Bedenken

Nach drei Tagen versammelten sie sich wieder um den Küchentisch. Diesmal ohne Klara, die Papa schon bei der Renovierung der neuen Wohnung half. Anna berichtete über das Gespräch, das sie mit dem Vermieter geführt hatte. Grünes Licht für die Untervermietung. Solange er pünktlich seine Miete bekam und keine wilden Horden ins Haus kamen, sei er einverstanden. Schließlich kenne er Annas Situation und wolle helfen. Niklas und Johannes berichteten von ihren Gesprächen. Beide hatten gemäß Auftrag Johannes Zimmer in der unteren Etage ausgemessen und festgestellt, dass in dem 25m² großen Raum mit etwas gutem Willen Platz für beide wäre. Somit wäre dann die komplette obere Etage, ehemals Papas Bereich mit Küche, Bad, WC und eigenem Eingang, frei. Und doch hätten beide schon so einige Bedenken, gemeinsam in ein Zimmer zu ziehen. „Okay“, sagte Anna,“dann lasst uns diese Bedenken hören. Johannes, was meinst du dazu?“

Es stellte sich heraus, dass der empfindliche Johannes befürchtete, durch Niklas' Gewohnheit, sehr spät zu Bett zu gehen, gestört zu werden. Er brauche seinen Schlaf und auch allgemein mehr Ruhe und Ordnung. Der lebenslustige und unbekümmerte Niklas machte lieber Party bis spät in die Nacht und nahm es mit Ordnung und Sauberkeit auch nicht so genau. Niklas sagte, es sei ihm  unangenehm, damit seinen Bruder zu stören, denn auch er wolle schon gern alles unternehmen, um eine gute Lösung zu finden. Aber selbst sei er ja auch höchst unsicher, ob dies eine gute Lösung sei. Er wurde ein wenig zögerlich und schielte zu Anna. „Naja, ich weiß nicht so recht, was ich machen soll, wenn ich mal eine Freundin über Nacht einladen möchte.“ Ha! Das war ja noch ein ganz anderes Thema. Anna schmunzelte. Daran hatte sie als Mutter noch gar nicht gedacht. Sie hatte großes Verständnis für den Wunsch ihres Sohnes nach Intimität. Und über das sich daran anschließende Thema von Sexualität und Verhütung wollte sie jetzt noch nicht sprechen. Das hatte Zeit und musste auch nicht in großer Runde besprochen werden. 

            Am Ende dieser Sitzung mit mehreren Runden hatten sie alle Einwände 
            so verarbeitet, dass ein allgemeiner Beschluss formuliert werden konnte. 

a) Niklas zieht zu Johannes ins Zimmer. Er bemüht sich, mit seinen Sachen soweit Ordnung zu halten, wie es Johannes' Wohlbefinden nicht beeinträchtigt. Wenn er nach 22:00 Uhr ins Bett geht, verhält er sich leise und macht möglichst kein Licht mehr an. 

b) Wenn Niklas Besuch zur Übernachtung hat, so schläft dieser im Musikkeller.
c) Der Musikkeller wird mit zwei Gästebetten ausgestattet und auch gastfreundlicher gestaltet.

d) Anna kümmert sich um Untermieter, die insgesamt die Hälfte der Kaltmiete aufbringen.

Diese  Entscheidung probieren wir für sechs Monate aus. Es muss in dieser Zeit folgendes gewährleistet sein:

1. Der Lebensunterhalt ist gesichert.
2. Johannes bekommt ausreichend Schlaf und Ordnung im Zimmer.
3. Niklas kann Übernachtungsgäste in einer angenehmen Atmosphäre empfangen. 

Ein Aufatmen ging durch die Runde. Sie hatten alle eine Riesenherausforderung angenommen und jeder hatte den anderen in seiner Not und mit seinen Bedürfnissen sehen können. Jeder hatte Verantwortung und eine gewisse „Aufgabe“ übernommen - Das hieß, an sich selbst zu arbeiten, wenn das gemeinsame Ziel erreicht werden sollte.
            Zwei Monate später zog die erste Untermieterin ein, gefolgt sechs Wochen später von der zweiten Untermieterin. Der Lebensunterhalt war erst einmal gesichert. Aber wie sah es mit den anderen Kriterien aus? Das ging nicht immer so glatt, hatte Niklas doch zu viele Dinge im Kopf, um an die 22:00-Uhr-Regel zu denken. So kam dieses Thema wieder und wieder auf die Tagesordnung der Familienkonferenzen. Mithilfe der einfachen und klaren Regeln der Gesprächsführung schafften sie es, gemeinsam die Lösungen anzupassen. Sie konnten das, was man eigentlich will, mit dem vergleichen, was man dann auch tatsächlich tut und vor allem, wie sich das direkt auf die Umgebung auswirkt. In der Kybernetik kennt man das als „Feedbackschleife“. Anna drückte es so aus: „Cool! Die Kinder fangen an, sich selbst zu erziehen. Sie bringen das, was sie nicht unter sich klären können, einfach auf die Agenda für die Versammlung und damit sind sie nicht mehr allein mit dem Problem. Das gilt natürlich auch für mich als Mutter.“

Klare Ansage

Auch mit den neuen Mitbewohnerinnen Monika (44) und  Brigitte (50) gab es jetzt viele Dinge zu regeln. Bestärkt durch ihre jüngsten Erfahrungen schlug Anna vor, hier ebenfalls mit der Soziokratischen Kreisorganisationsmethode zu arbeiten und die Regeln für das Zusammenleben gemeinsam aufzustellen. Während Monika erst einmal alles still über sich ergehen ließ, lehnte Brigitte die ganze Sache ab. „Anna, sag uns einfach, wie du was haben willst und dann machen wir das so. Wenn uns was nicht passt, dann sagen wir Dir das schon. Besprechen ist ja gut und schön, aber manche Dinge brauchen eine klare Ansage.“

            Durchaus ein Freund der „klaren Ansage“ hatte Anna ihre Erfahrungen damit machen müssen. Oberflächlich gesehen ließen sich die Probleme schnell lösen. Sie erinnerte sich daran, als sie Niklas mit klarer Ansage dazu bewegen wollte, auf der Fahrt mit dem Rad zur Schule einen Fahrradhelm zu tragen und bei Regen sein Regencape umzulegen. Wie hatte sie innerlich triumphiert, als der 11jährige endlich ohne Diskussion morgens seinen Helm aufsetzte und unter den uncoolen Regenumhang schlüpfte. „Prima, geht doch!“ hatte sie gedacht. „Alles eine Frage des Durchsetzungswillens und guter Argumentation, dann sehen die Kinder das ein.“ Das Erwachen war  bitter gewesen, als sie eines Morgens beim Wäscheaufhängen ein sorgsam eingewickeltes Päckchen in der Hecke fand. Das Regencape mit dem Fahrradhelm! 

Spielregeln

Auf der Suche nach einem Weg jenseits dieser ewigen Kämpfe lief Anna dann das komische Wort über den Weg: Soziokratie! Professor Dr. Endenburg verwendete in Holland diesen Begriff für eine neue Organisationsmethode, die ein Ende dieser Machtspielchen versprach und mehr noch, klare Spielregeln für ein kreatives und freudvolles Zusammenwirken für alle Arten von Organisationen. „Was wäre, wenn das nicht nur im Wirtschaftsleben, sondern auch in meiner Familie hilft?“ fragte sich Anna und forschte weiter. Diese „Spielregeln“ waren u.a. aus den jüngsten Erkenntnissen der Naturwissenschaft mithilfe mathematischer Analogien auf unsere zwischenmenschlichen Verhältnisse übertragen worden. Der russisch-belgische Chemiker Ilya Prigogine begann in den 1950er Jahren, offene Systeme zu untersuchen und erhielt 1977 den Nobelpreis für Chemie "für seinen Beitrag zur Nichtgleichgewichtsthermodynamik– insbesondere die Theorie dissipativer Strukturen“. Für Laien ausgedrückt heißt das grob vereinfacht, er fand eine mathematische Erklärung dafür, wie aus Chaos Ordnung entsteht. Später erweiterte Hermann Haken, Professor am Institut für Theoretische Physik in Stuttgart, die Arbeit auf der Grundlage von Prigogines Entdeckungen. Die neue Disziplin zur Erforschung von Selbstorganisation komplexer Systeme nannte er „Synergetik“. 

„Und welche Spielregeln sind das nun?“ fragte sich Anna.  Erstens, so hieß es, seien die Elemente in solchen Systemen gleichwertig. Sie könnten sich nicht gegenseitig begrenzen und kontrollieren. „Na, schönen Dank,“ hatte sich Anna gesagt „auf eine solche Art von System kann ich verzichten. Jeder kann mitreden, Diskussionen laufen sich tot und am Ende einigt man sich entnervt auf den Weg des geringsten Widerstands.“ Aber da war ja noch eine zweite Regel: Jedes selbstorganisierende System braucht Energie, die von außen zugeführt wird. Ob eine Pflanze per Photosynthese Wurzeln und Blätter bildet oder Menschen sich für eine gemeinsame Sache zusammenfinden, es gehe nicht ohne Energie von außen. Anna wurde neugierig.

Die Energie für das „Wir“-Gefühl

Auch im menschlichen Miteinander, lernte Anna, könne sich erst dann ein „Wir“-Gefühl einstellen, wenn die Gemeinschaft irgendwie Energie von außen bekomme. Diese Energie sei der gemeinsame Wunsch nach einem Zustand für die Zukunft, der sich vom Zustand in der Gegenwart unterscheide. Dieser Unterschied schaffe eine Spannung, die schließlich zu Kommunikation und gemeinsamen Aktionen führe. „Ja, wenn ich am Morgen hungrig in den Kühlschrank schaue und nichts Essbares finde, dann wünsche ich mir einen gefüllten Magen, was sich sehr unangenehm vom jetzigen Zustand unterscheidet. Und dann geh ich einkaufen.“ lachte Anna. „Fünf hungrige Leute vor dem leeren Kühlschrank schaffen aber noch kein selbstorganisierendes System, oder? Was ist darüber hinaus erforderlich?“ Glücklicherweise sind wir soziale Wesen und haben Beziehungen miteinander. Wenn es sich bei den hungrigen Menschen vor dem Kühlschrank regelmäßig um dieselben handelt, könnten sie sich und ihre Situation wahrnehmen und bald zu etwas zusammenschließen, was in der Soziokratie „Kreis“ genannt wird. In solchen Kreisen teilten die Menschen 

a) eine Vision 

b) eine Mission und 

c) ein gemeinsames Ziel

Anna, der das Beispiel mit dem Kühlschrank gefiel, spann den Gedanken weiter: „Dann wäre die gemeinsame Vision bei der hungrigen Kühlschranktruppe so etwas wie 

'Wir haben genug zu essen'?“

Das Wort Mission bereitete Anna mehr Schwierigkeiten, weil sie damit Glaubenskriege oder bestenfalls Belehrungen assoziierte. Die Mission in einem soziokratischen Kreis sei anderer Art, so lernte sie. Man könne sie beschreiben als eine bestimmte Rolle, welche diese Menschen einnehmen wollten, um gemeinsam die Vision zu verwirklichen. Die „gewünschte Wirklichkeit“ als Bühnenstück und der Kreis mit seiner Rolle darin. Schmunzelnd formulierte Anna für die hungrige Kühlschranktruppe die Rolle 'Caterer'. Sehr wichtig sei für den Kreis nun auch das gemeinsame Ziel, weil dieses den Bereich spezifiziere, worüber Entscheidungen zu treffen sind. Erst wenn allen klar sei, was man machen muss, um die gewählte Rolle einzunehmen, könne ein jeder auf dieser Grundlage  entscheiden, ob er überhaupt beim Kreis dabei sein möchte. „Es muss schon klar sein, worum es geht,“ überlegte Anna in schmerzvoller Erinnerung an viele frustrierende Besprechungen mit Menschen, wo das sicher nicht klar war.  Sie nannte nun das passende Ziel für die 'Caterer' folgendermaßen: 'Einkaufen von Lebensmitteln und Bereiten von Mahlzeiten'

Angesichts der Aussicht, hungrig bleiben zu müssen, neigen die Menschen nicht zu Endlosdiskussionen. Dies gilt sicher auch im übertragenen Sinn, nämlich hungrig auf ein Ziel, ein Ergebnis, zu sein.  Die nötige Spannung ist dann vorhanden. Nun verstand sie auch das „Sozio“ in dem Wort. Die Kreise bedeuten Menschen, deren Leben und Wirken sich nicht anonym und statistisch aufeinander bezieht. Es sind Menschen, die bereit sind, sich aufeinander einzulassen - wahrhafte Gefährten auf einem Weg. Hier zeigen sich gemeinsame Werte und eine gemeinschaftliche Identität.

Gemeinsam durch dick und dünn

Nun haben die Gefährten also eine klare Richtung. Sie wissen, was ihnen wichtig ist und wohin sie sich bewegen wollen. Was jetzt noch fehlt ist der Kreisprozess, eine Art „Regelkreis“, welcher jedem System zu eigen ist, das in einer wechselhaften und unsicheren Umgebung unterwegs ist. Dieser Kreisprozess gibt der Methode den Namen und erfüllt zugleich die dritte Regel für Selbstorganisation: Das System muss über eine Rückkoppelung verfügen. So kann es auf Veränderungen in der Umgebung durch Weiterentwicklung reagieren. Es kann kreativ werden. Was bedeutet diese Rückkoppelung nun für die Gefährten?
Auch wenn allen die Richtung klar ist, kommt ziemlich schnell Enttäuschung auf, wenn die notwendige Bewegung nicht auch umgesetzt wird. Dafür braucht es eine Leitung. Das ist die erste Aufgabe im Kreisprozess. Sie erteilt Aufträge an diejenigen, die sie dann ausführen (die zweite Aufgabe im Kreisprozess). Gehen wir erst einmal davon aus, dass das auch passiert. Aber selbst wenn die Ausführenden das genau so umsetzen, wie es geplant war, so kann man darauf wetten, dass bei der Umsetzung nicht immer alles so glatt geht, wie man sich das im Vorfeld dachte. Die Bedingungen in der Umgebung verändern sich ständig und man kann nicht alles voraussehen. Wenn der Kreis also beweglich und anpassungsfähig bleiben will, muss er in der Lage sein, diese Veränderungen wahrzunehmen - die Soziokratie spricht dabei von Messen (die dritte Aufgabe im Kreisprozess) - um angemessen darauf reagieren zu können. Jeder ausführende Teilnehmer braucht natürlich auch einen gewissen Spielraum für eigene Entscheidungen und sollte nur relevante Störungen an alle zurückmelden. Andernfalls wären die Teilnehmer unter einer Flut von Informationen begraben. Ob es sich dabei um wichtige oder unwichtige Information handelt? Nun, wer kann das im Vorfeld wissen? Es obliegt dem Kreis und nicht dem Leitenden allein, hierüber zu entscheiden.
Anna  versucht das Gehörte auf ihr Beispiel mit dem gemeinsamen Ziel „Einkaufen und Bereiten von Mahlzeiten“  zu übertragen. „Solange frische Milch und frisches Obst und Gemüse regelmäßig auf dem Einkaufszettel stehen sollen, bleibt es dem Einkaufenden überlassen, wo und wie er die Sachen besorgt. Schließt aber der nahe gelegene Markt oder wurde inzwischen das Auto abgeschafft, so wären das wahrscheinlich wichtige Informationen für den ganzen Kreis. Bei kleineren Störungen,  wenn zum Beispiel das Auto gerade zur Reparatur ist, oder der Laden Sommerurlaub macht, müssen die Teilnehmer entweder selbst eine Lösung finden oder die Leitung um Unterstützung bitten.“ Sie fasst zusammen: „Um sich als Gruppe mit einem gemeinsamen Ziel in unsteter Umgebung sicher zu bewegen, braucht es einen Kreisprozess mit den drei Aufgaben Leiten, Ausführen und Messen. Der Kreis ist dafür verantwortlich, dass alle drei erfüllt werden. Und dabei braucht es sowohl eine Leitung mit klarer Ansage und Leute, die ausführen, als auch die Sicherheit, dass das, was beim Ausführen wahrgenommen wird, ungefiltert in den Kreis zurückfließen kann. Aber wie?“

Konsent regiert die Beschlussfassung
Das erste Grundprinzip der Soziokratischen Methode regelt die Art und Weise, wie in diesen Kreisen die wichtigen Grundsatzentscheidungen getroffen werden, nämlich nach der ersten Spielregel für selbstorganisierende Systeme, die Gleichwertigkeit der Teilnehmer. Konsent bedeutet „keinen schwerwiegenden und begründeten Einwand“. Wie es hieß, könnten auch alle anderen bekannten Formen genutzt werden, um zu einer Gruppenentscheidung zu kommen, wie durch einen Mehrheitsentscheid, Stäbchenziehen, Abwarten oder Konsens, wenn niemand dagegen einen schwerwiegenden Einwand habe. Die Teilnehmer kämen etwa alle vier bis sechs Wochen zusammen und besprächen die grundlegenden Fragen darüber, wie das gemeinsame Ziel zu erreichen sei. Während dieser Versammlung würden alle bestehenden natürlichen Rangunterschiede aufgehoben. In der Kreisversammlung gälten andere Gesetze. Auch hier müsse man sich begrenzen lassen, aber nicht durch die Autorität der Leitung, sondern zum einen durch die Einzigartigkeit jedes Teilnehmers und zum anderen durch die Bedingungen in der Umgebung, beides Messungen. Die dritte Grenze existiere bereits durch die Zielrichtung. „Klar, wenn ich weiß wohin ich will, dann schließe ich einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung von vornherein aus. Dadurch lasse ich mich gern begrenzen.“ Auch bei der Einzigartigkeit stimmte Anna zu, dass jeder Mensch seine Fähigkeiten und Kenntnisse, aber auch seine Toleranzgrenzen mitbrachte. Bei Entscheidungen über einen regelmäßigen Einkauf für die hungrigen Kreismitglieder hieß es zum Beispiel nicht nur, die Ernährungsgewohnheiten der Teilnehmer, sondern auch die verfügbare Zeit und die verfügbaren Transportmittel zu berücksichtigen. Und die Tatsache, ob sie in der Großstadt oder auf dem Lande lebten, spiele bei Entscheidungen auch eine Rolle. 

Grenzen, so lernte Anna, seien für diese Methode außerordentlich wichtig - nicht um einzuengen, sondern um zu befreien für kreative Lösungen, so paradox das klingen mochte. So konzentriere sich eine Konsententscheidung, anders als die Entscheidung mit Konsens, auf Grenzen. Es werde danach gefragt, ob ein Vorschlag sich außerhalb der Toleranzgrenzen für jeden einzelnen befinde, anstelle der üblichen Frage „Findest Du diesen Vorschlag gut?“ Anders ausgedrückt, man frage nach einem „Nein“ und nicht nach einem „Ja“, denn es gehe dabei nicht um die Vorlieben der Teilnehmer, sondern darum, ob etwas möglich sei.

Einwände könne es immer viele geben, wenn man sich nach den persönlichen Präferenzen richte, aber sind diese auch schwerwiegend?  Anna dachte an ihre Familienmitglieder als 'Caterer' und an die verschiedenen Vorlieben rund um die Ernährung (z.B. Spaghetti, Bioprodukte oder Schokolade). Warum nun gab es nicht jeden Tag Berge an Schokolade? Warum wurde nicht streng vollwertig gekocht? Und warum wurde nicht ausschließlich im Bioladen gekauft? Hier kamen die jeweiligen persönlichen Toleranzgrenzen und die äußeren Bedingungen ins Spiel. Während man Johannes z.B. nicht mit Erbsensuppe oder Blumenkohl zu kommen brauchte, kam für Anna Junkfood nicht in Frage. Und der Blick auf den Kontostand setzte für gewöhnlich Annas Ausschweifungen im Bioladen eine Grenze. So langsam wurde Anna bewusst, auf welche schöne Art sie ihre natürliche Führungsaufgabe und Vorbildrolle als Mutter wahrnehmen konnte. Sie musste ihr Wissen, ihre Liebe und Ihre Werte rund um das gemeinsame Ziel während der Kreisversammlung in ihren Vorschlägen und ihren Einwänden lebendig werden lassen. Oft hatte sie früher genervt ihre eigene Orientierungslosigkeit hinter Sprüchen wie „Weil das so ist!“ oder „Weil ich es sage!“ versteckt. Im Suchen nach den eigenen Argumenten während der Kreisversammlung offenbarten sich angestaubte Denkmuster, die dringend einer Revision bedurften, und konnten entsorgt werden. Das war zwar manchmal peinlich, aber dafür wurde sie viel glaubwürdiger und irgendwie menschlicher für die Kinder. „Soziokratie deckt auf!“, so hieß es denn auch. Und zum anderen wurden die eigenen festen Überzeugungen im konkreten Alltag auf die Probe gestellt. „Kinder beobachten genau, ob Wollen und Tun übereinstimmt oder ob es sich um pure Lippenbekenntnisse handelt. Das ist echte Erziehung durch Selbsterziehung“, resümierte Anna. „Meckern wird überflüssig, wenn ich Grenzen setze durch meine authentische Teilhabe am Kreis und dann Vorbild bin durch konsequente Umsetzung.“

Bisher hatten sie in ihrer Familie immer einen gangbaren Weg zur Zufriedenheit aller finden können, weil sie sich bei jedem Einwand zu Vorschlägen auch über die jeweiligen Gründe austauschten. Nicht umsonst sei das ein weiteres Kennzeichen des Konsentprinzips, das sich damit klar vom Vetorecht unterscheide. Die anderen Teilnehmer müssten nämlich die notwendigen Informationen bekommen, um einen Vorschlag verbessern zu können. So wurde für Johannes immer etwas anderes zubereitet, wenn es mal wieder Erbsensuppe oder Blumenkohl gab, und um die Haushaltskasse zu entlasten, wurde das Brot aus frisch gemahlenem Getreide selbst gebacken, anstatt es teuer beim Biobäcker zu kaufen. Peinlich berührt war Anna, als sie an ihr früheres autokratisches Familienregime dachte. Da servierten ihr die Kinder eine „Messung“ ganz besonderer Art. Diese hatten, als sie klein waren, gewöhnlich bei Einladungen in größeren Gruppen am Buffet sehr schnell hinter ihrem Rücken alles verfügbare Fleisch auf ihre Teller gefüllt. Als sie dann einmal den Kommentar eines anderen Gastes hörte „Ich dachte ihr seid Vegetarier!“, wusste sie, dass es an der Zeit war, die „Ernährungspolitik innerhalb der Familie“ zu ändern. Von da an gab es auch wieder Fleisch auf dem Speisezettel.

Kulturschock

Anna hatte am Beispiel ihrer Familie viel gelernt und war dankbar und stolz, da sah sie sich schon der nächsten Herausforderung gegenüber. Monika und Brigitte, die neuen Mitbewohnerinnen, waren ihre zwei  potentiellen neuen Kreismitglieder. Brigitte hatte eine „klare Ansage“ gewünscht? Die sollte sie bekommen. Als letzten autokratischen Akt in diesem Hause verfügte Anna: „Du möchtest wissen, wie ich das haben will? Nun, ich will, dass bei uns die Dinge gemeinsam besprochen, geregelt und ausprobiert werden. Monika hat uns bei der letzten Kreisversammlung bereits begleitet. Wir laden auch dich herzlich ein zu unserer nächsten Kreisversammlung am kommenden Sonntag um 18.00 Uhr bei mir im Esszimmer. Passt dir das?“
Zunächst war ihr klar, dass ein gemeinsames Ziel in einer WG anders formuliert werden müsse als in der Restfamilie. Man einigte sich auf „Harmonisch das Zusammenleben gestalten.“ Und dann erklärte sie die Spielregeln für eine Kreisversammlung. „Wir beginnen mit einer Eröffnungsrunde, um uns auf unser gemeinsames Ziel einzustimmen. Denk dabei an Musiker in einem Orchester, die vor einem Konzert die Instrumente stimmen. Auch eine soziokratische Kreisversammlung hat eine autokratische Leitung, nämlich den gewählten Moderator, der das Wort erteilt. Aber anders als üblich sprechen wir in der Runde nacheinander. Niemand braucht also darum zu bangen, nicht zu Wort zu kommen. Der Moderator achtet auf die Einhaltung dieser Runden. Bisher war ich das. Spricht für dich etwas dagegen, das für heute erst einmal so beizubehalten?“ Als Brigitte sich dazu bereit erklärt, führte Anna weiter aus: „Welches Stück wir genau als Orchester heute spielen wollen, darauf einigen wir uns im Administrativen Teil. Hier klären wir alles, was für gute Arbeitsbedingungen wichtig ist. Wie viel Zeit wir uns nehmen für die Versammlung, welche Neuigkeiten es gibt, z.B. etwas, das unbedingt noch auf die Tagesordnung muss, wer welche Themen einbringt, welche Themen heute behandelt werden sollen und in welcher Reihenfolge. Sobald das von allen mit Konsent, also „ohne schwerwiegenden Einwand“, verabschiedet ist, beginnt der Inhaltliche Teil, die Produktion von Konsententscheidungen. Als vierten Teil rundet die Schlussrunde die Versammlung ab. Hier gibt jeder seine Rückmeldung darüber, wie er die Qualität des Treffens für sich persönlich erlebt hat, immer im Hinblick auf unser gemeinsames Ziel. Hier  kann man auch noch Themen für die nächste Versammlung vorschlagen. Wir haben bisher immer Protokoll geführt über die Sitzungen. Niklas ist unser „Sekretär“. Er notiert unsere Beschlüsse und sammelt im Vorfeld die Tagesordnungspunkte für die Versammlung. Jeder kann ein Thema einbringen.“

Brigitte war dieser Methode gegenüber eher skeptisch, aber sie war doch bereit, sich das einmal anzuschauen. Solange noch nichts inhaltlich diskutiert wurde, konnte sie die Runden aushalten, aber als es zur Sache ging, unterbrach sie diejenigen, die in der Meinungsrunde Ansichten kundtaten, die von der ihren stark abwichen. Sie wurde von Anna gebremst: „Brigitte, wir hören uns jetzt erst einmal nur unsere Meinungen an und sammeln Kriterien für eine Entscheidung, mit der es uns allen gut geht. Es wird noch nichts entschieden, in Ordnung? Erst wenn alle Gelegenheit hatten, ihre Meinung zu äußern, versuchen wir einen Vorschlag zu formulieren, der diesen Kriterien gerecht wird. Und bedenke, unser Ziel ist es, ein harmonisches Zusammenleben zu gestalten.“ Anna war besorgt. Wie gut konnte sie sich in Brigitte einfühlen, lag ihre eigene Erfahrung doch noch nicht so lange zurück, als sie sich durch eine andere Meinung heftig bedroht gefühlt hatte. Brigitte wählte offensichtlich, wie viele Menschen, in Konflikten den offenen Kampf. Diese Strategie reicht gewöhnlich von lautstarken Beschimpfungen und Beschämungen über Zynismus bis hin zur kritisch intellektuellen Analyse darüber, warum der andere im Unrecht ist. Anna hatte auch Verständnis für die Menschen, die andere Strategien im Spiel um die Macht gelernt hatten. Monika z.B. hatte sich zunächst angepasst und keinen schwerwiegenden Einwand, keinen Vorschlag oder auch nur ein Thema eingebracht. Wenn die Runde an ihr war, so sprach sie zu Beginn recht leise und vorsichtig. Sie hatte Angst, die Zuneigung der anderen zu verlieren, sollte sie eine abweichende Meinung vertreten. So hatte sie es von früher Kindheit an gelernt, sich in Gruppen zunächst bedeckt zu halten und die verschiedenen Stimmungen aufzufangen. Meistens jedoch hatte sie einfach „keine Meinung“. Anstatt sich jetzt mit einem Vorschlag oder einem Einwand der Auseinandersetzung im Kreis zu stellen, setzte sie die Kreismitglieder lieber vor vollendete Tatsachen oder hatte einfach keine Zeit für eine Versammlung. „Welche Wege auch immer die Menschen im Spiel mit der Macht meist unbewusst wählen, lautstark oder eher subtil, es bedeutet für viele Menschen einen Kulturschock, die soziokratische Art von Miteinander zu erleben“, wusste Anna. Diese neue Art, die es nicht nur jedem ermöglicht, seinen eigenen Platz zu finden, sondern die auch mehr oder weniger unsanft jeden an seinen Platz befördert! Damit bekommt sie eine enorme integrale Erziehungskraft.

Ja, Anna war besorgt. Würde sie stark genug sein, um die Spannungen im kreativen Raum während der Kreisversammlungen sich zum Guten entwickeln zu lassen? War ihre kurze Erfahrung in der Methode ausreichend? Sie wusste, dass auch der gemeinsame Wille zum guten Miteinander stark genug sein musste. Hier konnte sie nichts erzwingen. Hier konnte sie nur Vorbild sein. Und glücklicherweise kamen ihr bald die Kinder zu Hilfe. Ihr erfrischender Mut, ihre natürliche Aufrichtigkeit und ihre bleibende Freundlichkeit sorgten für so manches tiefe Erleben bei den Erwachsenen. Alle wurden sie gefordert. Brigitte lernte, ihre feurige Energie in eigene Vorschläge zum Wohle aller zu lenken und Monikas bedächtige Art sorgte in Form von Einwänden für so manche sinnvolle Verbesserung von Vorschlägen. Eine Menge Herausforderungen waren zu meistern. Wenn z.B. Monika, die als Krankenschwester arbeitete, Nachtwache hatte und gern am anderen Tag bis 15:00 Uhr schlafen wollte, war die Benutzung des Musikkellers mit kompletter Bandausrüstung nicht angesagt. Das gelang nicht immer und erforderte häufiges Erinnern. Aber jetzt war jeder, der sich erinnern lassen musste, dankbar für diese Korrektur. Und Monika und Brigitte lernten, auch die Wünsche und Bedürfnisse von pubertierenden Jugendlichen nicht mehr als Bedrohung zu empfinden. Nach einer Weile nannten sie ihre WG, in der sich nach und nach inspirierende Gespräche auch zwischen den Kreisversammlungen ergaben, das „Lebendighaus“. Sie alle hatten sich verändert. Sie waren lebendiger - „machtvoller“ geworden. Anna drückte es so aus: „Mit der Macht ist es wie mit der Liebe. Sie wird größer, wenn wir sie teilen.“

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Theoretischer Hintergrund

I. Gleichwertigkeit 

Gleichwertigkeit im soziokratischen Sinne bedeutet Beschlüsse zu fassen, bei denen alle Teilnehmer die Möglichkeit haben, eine Übermachtsituation zu korrigieren. Gleichwertig heißt nicht gleich. Ungleichheit von Menschen und Situationen sind wichtig, denn nur so können Bedürfnisse erfüllt werden und findet Entwicklung statt.

Umgesetzt wird dieser soziokratische Ansatz durch vier Basisprinzipien:

a) Konsent regiert die Beschlussfassung

b) Organisation findet in Kreisen statt

c) Hierarchieebenen sind doppelt verknüpft

d) Wahlen von Personen für Aufgaben und Funktionen finden mit Konsent und nach offener Argumentation statt

1. Konsent regiert die Beschlussfassung (nein, es muss hier nicht Konsens heißen)

Das bedeutet, es gilt erst dann eine Entscheidung als verabschiedet, wenn kein Teilnehmer einen schwerwiegenden und begründeten Einwand gegen einen Beschluss hat. Das Konsentprinzip beugt dem Ignorieren vor. Sollte dies einmal vorkommen, so kann jederzeit korrigiert werden. Mit diesem Prinzip haben alle Teilnehmer ungeachtet ihrer Funktion das gleiche Recht, an den Grundsatzentscheidungen teilzunehmen, die sie selbst betreffen.


 ‘Regiert’ meint, dass Beschlüsse auch auf andere Weise als mit Konsent gemacht werden können, jedoch unter der Bedingung, dass darüber im Konsent entschieden wurde.   

Allgemein kann man sagen, dass über die Grundsätze mit Konsent beschlossen und die Ausführung dieser Grundsätze an ein oder mehr Teilnehmer der Organisation delegiert wird. Innerhalb der Grenzen des Grundsatzbeschlusses können sie über die Ausführung bestimmen.

'Schwerwiegender bedeutet, man muss nicht mit einem Beschluss einverstanden sein, um zustimmen zu können. Der Beschluss sollte nur nicht jenseits der Toleranzgrenze des einzelnen Teilnehmers liegen. Aus diesem Grund wurde auch der Begriff ‚Konsent’ gewählt, um wie im Englischen ‚consent’ von ‚consensus’ ausdrücklich unterscheiden zu können.

‚Begründet’ heißt, dass Konsent kein Vetorecht ist, sondern das Recht, seinen Einwand zu begründen. 

Dieses Streben nach Gleichwertigkeit ist eine praktische Vorgehensweise, verschiedene Bedürfnisse und Meinungen im Hinblick auf eine gemeinschaftliche Zielsetzung aufeinander abzustimmen.

Keine Belange werden übersehen, und so wird verhindert, dass eine Situation, in der es unterschiedliche Meinungen gibt, nicht mehr steuerbar ist und daraus Frustrationen und Konflikte entstehen. 

2. Organisation findet in Kreisen statt

Das zweite Prinzip bestimmt, wo und wann mit Konsent beschlossen wird. Der Kreis ist eine Gruppe von Menschen, die ein gemeinsames Ziel verwirklichen wollen und regelmäßig zusammenkommen, um daran zu arbeiten. Dadurch kennen sie einander. Mit Konsent werden allein Grundsätze und Rahmenbedingungen bestimmt, mit denen sie ihr gemeinsames Ziel erreichen wollen. Für die Ausführung der Beschlüsse gibt es weiterhin einen Chef und seine Befehlsempfänger. Im Kreis wird es möglich, die individuellen Bedürfnisse und ‚inneren Wirklichkeiten’ wechselseitig mit denen der Gruppe abzustimmen. Hier finden Ich-Identität und Gruppen-Identität eine Schnittmenge. Hier wird ein ‚Wir’ geschaffen, das Raum lässt für ein lebendiges ‚Ich’.

Der Kreis delegiert an seine Teilnehmer die Funktionen des dynamischen Prozesses – Leiten, Tun und Messen. Man spricht auch von einem Kreisprozess oder einem Regelkreis. Dieser Kreisprozess ermöglicht ein dynamisches Gleichgewicht. Der Kreis sorgt für sein eigenes Erinnerungssystem und eine fortlaufende Entwicklung seiner Mitglieder. Entwicklung und Lernen bedeuten hier mehr als die Schulung auf dem jeweiligen Fachgebiet; es geht auch um die Struktur von Entscheidungsfindungsprozessen und die ‚Produktion von Organisation’. Zum Beispiel lernt man, wie man Einwände begründet vorbringen kann und wie soziokratische Kreisversammlungen ablaufen. ‚Produktion von Organisation’ bezieht sich auf das Formulieren eines gemeinsamen Zieles und das Aufstellen eines Zielverwirklichungsprozesses.

* Beachte: Wer Chef sein soll, ist eine Grundsatzentscheidung…

 3. Hierarchieebenen sind doppelt verknüpft (wird in diesem Familienbeispiel nicht beschrieben)

Die meisten Organisationen werden mehr als einen Kreis benötigen, um ihr Ziel zu verwirklichen. In Strukturen mit mehreren Kreisen und verschiedenen Hierarchieebenen nehmen mindestens zwei Teilnehmer des unteren Kreises gleichwertig, das heißt mit Konsent, auch im nächsthöheren Kreis an der Beschlussfassung teil. Von diesen zwei Personen hat immer eine die Leitung im unteren Kreis und ist damit für die Ausführung der Beschlüsse im oberen Kreis verantwortlich. Die zweite Person ist als Repräsentant des niedrigeren Kreises dafür verantwortlich, dass wichtige Informationen über die Durchführbarkeit von Beschlüssen in den nächsthöheren Kreis fließen. Diese Funktion ist  auch bekannt als ‚Rückkoppelung’. Durch diese doppelte Verknüpfung können die Kreise ihre Arbeit aufeinander abstimmen. Die Informationen können auf diese Weise von unten nach oben und von oben nach unten fließen. 

Durch diese Art der Verbindung zwischen Hierarchieebenen können Entscheidungsprozesse alle Richtungen durchlaufen, und der dynamische Prozess der Organisation als Ganzes ist nirgendwo unterbrochen.

4.  Wahlen von Personen für Aufgaben und Funktionen finden mit Konsent und nach offener Argumentation statt (wird in diesem Familienbeispiel nicht beschrieben)

Diese vierte Basisregel entsteht aus der ersten Regel über Konsent. Weil die soziokratische Art der Wahl noch ungebräuchlich ist, rechtfertigt sie eine eigene Basisregel. Für jede Funktion und Aufgabe wird eine Person gewählt. die gut passt. Dazu ist ein offenes Gespräch über die Möglichkeiten und Belange aller Personen unentbehrlich. Wenn alle Kreismitglieder der Wahl einer bestimmten Person zustimmen, wird ihr die Aufgabe oder Funktion übergeben, selbstverständlich nur dann, wenn die Person selbst auch zustimmt.

II. Die wissenschaftliche Grundlage der Soziokratie bildet die Forschung zu offenen Systemen und die Selbstorganisation komplexer Systeme (Synergetik). 

Die Voraussetzungen für das Entstehen dissipativer Strukturen (Ordnung aus Chaos) werden übertragen auf unser soziales Geschehen:

a) Ungleichgewicht (die Elemente, in diesem Fall Menschen, bewegen sich frei)

b) Offenheit (Energie fließt hinein und heraus)

c) Selbstverstärkung (Das System schafft sich durch Rückkoppelung immer wieder eine neue Ausgangslage für Entscheidungen)

III. Die Struktur einer soziokratischen Kreisversammlung

Eine Kreisversammlung wird durch den Gesprächsleiter geführt. Er erteilt das Wort, wobei sie die Teilnehmer vorwiegend der Reihe nach in Runden sprechen lässt. Eine Kreisversammlung besteht immer aus den folgenden vier Teilen:

I.                 Eröffnungsrunde

Die Eröffnungsrunde ermöglicht allen Kreismitgliedern, sich aufeinander einzustimmen und sich mit dem gemeinsamen Ziel zu verbinden. In dieser Zeit haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, von den vorangegangenen Aktivitäten Abstand zu gewinnen und anzukommen in der Versammlung.
Jeder Teilnehmer kann beitragen, was immer er oder sie für wichtig hält, um einen Übergang zu schaffen. Hier ist auch Platz, um zusätzliche Punkte für die Tagesordnung zu nennen und abwesende Personen zu notieren.

II.               Administrativer Teil
            Hier wird der Rahmen geschaffen für den inhaltlichen Teil - Absprache 
            über die praktischen Dinge der Versammlung, Genehmigung 
            oder Korrektur des Protokolls vom vorherigen Treffen, Ankündigungen, 
            die das Treffen beeinflussen können (Diskussion darüber im inhaltlichen 
            Teil), Festsetzen des Termins für das nächste Treffen, Festlegen der
            Tagesordnung. Dies ist immer der letzte Punkt im administrativen Teil. 
            Die Bestimmung der Reihenfolge der Tagesordnung findet mit Konsent
            statt.
           

III.              Inhaltlicher Teil

Hier werden die Grundsatzentscheidungen zu den jeweiligen Tagesordnungspunkten mit Konsent getroffen. Um eine Entscheidung treffen zu können ist es sinnvoll, zuerst eine Idee aus Basis der gehörten Argumente zu entwickeln. Dann können diese in einer Diskussion abgewogen werden.
(Siehe Format für die Konsentbeschlussfassung)

IV.             Schlussrunde

Hier wird die Qualität der Kreisversammlung bewertet mit dem Ziel, Verbesserungen zu ermöglichen. Folgende Fragen können dabei unterstützen:
Wie wurde die Zeit genutzt? Wie wurde das Konsentprinzip angewendet? Wie hat der Gesprächsleiter angeleitet?
Der Gesprächsleiter schließt die Versammlung.

IV. Format für die Konsentbeschlussfassung

Bildformende Phase:

1. Vorstellung
Die einbringende Person erklärt den Hintergrund, warum sie hier eine Entscheidung im Kreis möchte. (Vorstellung)

2. Klärung
Alle Teilnehmer haben die Gelegenheit, ihre Fragen zu klären. Hier findet keine Diskussion statt.

3. Festlegen
Sie stellen fest, worüber eine Entscheidung getroffen werden soll und benennen relevante Punkte. Wozu soll die Entscheidung dienen? (oft implizit)
____

Meinungsformende Phase:

4. Erstreaktion
Alle Teilnehmer haben die Gelegenheit, ihre erste Reaktion zu dem Thema zu äußern.

5. Zusammenbringen der Ideen
Die verschiedenen Ideen oder Vorschläge werden aufeinander abgestimmt. Der Gesprächsleiter notiert alle aufkommenden Gesichtspunkte und fasst zusammen.

6. Sicherstellen der Kriterien
Der Gesprächsleiter stellt sicher, dass alle relevanten Punkte aus Punkt 3 mit dem Vorschlag berücksichtigt sind.
____

Beschlussformende Phase:

7. Vorschlag einbringen
Der Protokollführer formuliert den Vorschlag schriftlich aus und liest ihn vor.

8. Konsentrunde
Alle Teilnehmer werden in der Runde gefragt, ob sie schwerwiegende Einwände haben

9. Annahme
Der Beschluss wird verkündet und gefeiert.

Wenn es bei Punkt 8 schwerwiegende Einwände gibt, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten.

  • die Gesprächsleitung kann eine Runde eröffnen mit der Frage: „Wie könnten wir dieses Problem lösen?“
  • sie eröffnet einen kurzen Dialog zwischen zwei oder drei bestimmten Personen
  • sie eröffnet eine Diskussion mit dem Ziel, den Vorschlag anzupassen
  • sie schlägt vor, einen Hilfskreis mit der Formulierung eines neuen Vorschlags zu beauftragen
  • sie passt den Vorschlag spontan an

Beachten Sie: Die Beurteilung, ob ein Einwand schwerwiegend ist oder nicht, obliegt niemand anderem als dem jeweiligen Teilnehmer selbst. Er muss den anderen Teilnehmern allerdings die Möglichkeit geben, ihren Einwand zu begreifen. Erst so kann das Problem zum gemeinsamen ‚Eigentum’ der Gruppe werden und sich der kreative Prozess zur Lösung entwickeln.

   

Im Internet finden Sie diesen Text unter
http://www.soziokratie.com/verschiedene-artikel-zur-soziokratie.html
mit dem Titel "Soziokratie - gemeinsam entschieden und erfolgreich umgesetzt"

 

 

F-ok
ZL = in der Zentralen Linkliste vorgemerkt 
A&L erl.

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Febr.13, Dez.19(Bild1)   
 

 

siehe auch:

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Die Verweise auf einschlägige Texte in ALLTAG bzw. LABYRINTH sind vor allem bei den o.a. Einzeltexten! 

 

 

>ZL

ALLTAG:
Autor      Sehnsucht      Sinn (praktizierender 'Mensch')     
Meditatives Gehen/Laufen (sich genauer spüren + wichtig nehmen + verbessern + genießen lernen)   

 

 

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