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Ungleichgewicht
erkannt - und nun: Was tun?
Briefwechsel
Situation
und Frage: G.
erzählt:
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"Vor
einigen Tagen bin ich mit meinem kleinen Neffen, der gerade sechs
Jahre alt geworden war, als Noch-Geburtstagsgeschenk in den Tierpark
gegangen.
Auf der Hinfahrt erklärte mir der Kleine die Verkehrszeichen und
die angezeigten Geschwindigkeitsbeschränkungen. Als wir freie Fahrt
hatten, forderte er mich auf, nun so
schnell zu fahren, wie ich könne. Das lehnte ich ab.
Er erzählte mir viel und sprach dabei ungemein schnell, so dass ich
viele Inhalte nicht verstehen konnte, weil sie vernuschelt waren.
Ich musste also immer wieder, manchmal mehrmals, nachfragen.
Für den Tierpark habe ich mir vorgenommen, den Kleinen so laufen zu
lassen, wie er sich das gerade vorstellt. So habe ich es auch
gemacht. Und es wurde für uns beide recht interessant.
Im Tierpark angekommen, machten wir erst mal Brotzeit. Dann holte
der Kleine Spielkarten aus seinem Rucksack und schlug vor, jetzt
eine Runde zu spielen. Mein Einwand, wir seien doch nicht zum
Kartenspielen im Tierpark, akzeptierte er und steckte die Karten
wieder weg. "Aber vor kurzem habe ich gespielt - und wer meinst
du, dass gewonnen hat?" Meine Antwort: "Vermutlich
du!" Die Richtigkeit meiner Vermutung bestätigte er strahlend
und kopfnickend.
Nun nahm mir der Kleine den Plan aus der Hand, las die Zahl 1 und
suchte die entsprechende Anzeigetafel am Gehege. Es war der
Streichelzoo. Viele Fragen, aber mit den Tieren wusste er nicht viel
anzufangen.
Dann machten wir uns auf den Weg. Der Kleine las den Plan und dann
die Anzeigetafeln an den Gehegen. Die Tiere waren, wenn sich nichts
rührte, eher unwichtig.
Ein Balancier-Spielplatz kam und wurde freudig begrüßt. Die
Aktionen des Kleinen waren eher unsicher, aber schnell-schnell. Teilweise
zeigten sich auch Ängstlichkeiten, die aber durch Anderes-tun
schnell weggeschoben und zugedeckt wurden.
Dann: "Mir ist langweilig! Gehen wir jetzt wieder nach
Hause?" Meine Antwort: "Mir ist auch langweilig!" -
Und dann gingen wir weiter.
Am Eisbärengehege vorsichtige und eher ängstliche Kletterversuche
an der Umrandung.
Dann der große Abenteuer-Spielplatz. Der Kleine drehte ein paar Mal
eine Runde, probierte hier etwas aus, ohne weiterzumachen, probierte
dort etwas aus, ohne zu bleiben. Kamen andere, die auch an dieses
Gerät wollten, ging er eher ängstlich zur Seite. |
LEISTUNG
viel wissen
Geschwindigkeit
LEISTUNG
Schnell-sprechen
LEISTUNG
Gewinnen
Sieger-sein
LEISTUNG
Action
LEISTUNG
Ich-kann-lesen
LEISTUNG
Ich muss gut sein
Schnelligkeit
ohne LEISTUNG
Langeweile
ängstlich
unsicher
ziellos |
Ja,
danach sind wir dann wieder Richtung Ausgang gewandert und heimgefahren. Im
Auto ist der Kleine eingeschlafen. - Es war ja auch anstrengend - ständig
in Bewegung, ständig Aktion.
Meine Wahrnehmungen sind unabsichtlich entstanden - und zwar weil ich
keine Vorgaben gemacht habe. Doch sie lassen mir keine Ruhe.
Einerseits ist der Kleine ja, ohne dass er bereits in der Schule wäre,
supergut. Ganz nebenbei lernt er auch noch eine zweite Sprache
(portugiesisch /
seine Mutter ist Brasilianerin), und er bewältigt auch diese Leistung nach den
Erzählungen seiner Eltern gut.
Doch ich frage mich, ob Leistung, die natürlich in der Schule weiter
perfektioniert werden wird, wirklich alles sein kann. - Was meinst jetzt
du dazu?"
Antwort: Ja,
so ein kleines Menschlein in seinem Element zu erleben, kann schon
faszinierend sein. - Ich beglückwünsche dich dazu, dass du deinen Neffen
so hautnah und unmittelbar erleben und wahrnehmen durftest. Und du warst
aufmerksam - und hast gestaunt - und Fragen gestellt. Das ist gut so.
Kleine Kinder kommen auf diese
Welt - und sind wie ein unbeschriebenes Blatt. Sie nehmen alles von Außen
auf und machen es auch nach, machen zum Eigenen, wessen sie habhaft werden
können.
Sie sind also am Anfang ihres
Entwicklungsweges überwiegend außen-orientiert und außen-gesteuert. Von
dort beziehen sie das, was vermeintlich richtig und falsch ist - und wie
sie es machen müssen, um Lob und Anerkennung zu bekommen - und sich dann
geliebt und angenommen zu fühlen.
Unsere heutige Gesellschaft ist
leistungs- und erfolgs-orientiert. Druck und Erwartungen drücken sich
auch in Lob und Anerkennung aus, aber sie kommen auch aus allen Richtungen
auf das kleine Menschlein zu. Termine, Können, Wissen, Gewinnen, zeigen,
dass man wer ist und was kann.
Kinder können äußere
Anforderungen, wie hier den Leistungsdruck, nur aufnehmen und verstärken
oder aufnehmen und dagegen sein. Andere Möglichkeiten haben sie erst
dann, wenn spürbare und bewusst einsetzbare andere eigene Erfahrungen
vorhanden sind. Erst dann entstehen echte Wahlmöglichkeiten (ab
mindestens drei Varianten) und es wird die 'eigene' Entscheidung möglich.
Dein Neffe hat offensichtlich
die Leistungsorientierung aufgenommen und sich in unser heutiges System
eingefügt. Er wird vermutlich ein guter und eifriger Schüler werden,
sicherlich auch gute Noten nach Hause bringen.
Du hast von einem unguten
Gefühl gesprochen, das dich beschlichen hat. Es beschleicht auch mich -
und ich finde es berechtigt. Denn die Mehrzahl der kleinen Menschen wird
heute zu außen-orientierter Leistung animiert und trainiert. Allgemein
wird behauptet, es sei in unseren Öffentlichen Schulen nicht anders
möglich - und es sei, mit Blick auf die Wirtschaft und einen späteren
Beruf, unerlässlich.
Das kann man so sehen, jedoch
ist das eine sehr 'einseitige' Sicht. - Die Kinder entwickeln sich dann
ebenfalls 'einseitig' - und wachsen in innere Verspannungen und
Verbiegungen hinein.
Warum? - Sie lernen nicht, sich
selbst zu spüren und auf sich selbst und die 'eigenen' Bedürfnisse
(auch) zu
achten, sie überhaupt (auch) wahrzunehmen. So lernen sie auch nicht, das anders
geartete Du, den Mitmenschen also, wirklich wahrzunehmen, zu achten und
mit dem Herzen zu respektieren. Sie werden, wenn sie mit dem System
mitgehen, zu Leistungsträgern und laufen Gefahr, sich 'menschlich'
Schäden an Leib und Seele einzufangen.
Was wäre wichtig und
notwendig?
Natürlich sollen die Kinder die äußeren Fertigkeiten, Regeln und
Zusammenhänge lernen. Dazu ist auch Leistung notwendig.
Doch idealerweise kommt diese
Leistung nicht durch äußeren Druck, Erwartungen oder Forderungen,
sondern von Innen, aus Freude und innerer Begeisterung für das jeweilige
Thema. - Das Kind braucht also eine Vielzahl von verschiedensten
Anregungen und dazu jeweils eigenen Erfahrungen, um die Felder zu
erspüren, für die es sich begeistert.
Bis dahin gilt: "Ich 'muss' es machen, für Eltern, Schule, Beruf
usw. - und weil es eben so von mir erwartet wird." So macht es
vielleicht Freude im Kopf, aber keine spürbare im Körper. Im Körper
mehren sich die Verspannungen.
Doch mit vielen neuen Anregungen und eigenen Erfahrungen / Entdeckungen kann sich nach
und nach die Einsicht einstellen: "Ich mache es für mich und zu
meiner Freude, weil es mir so auch gut tut und mich weiterbringt!" So
macht es Spaß und begeistert. "Weil ich es 'so für mich will'
(unabhängig von Elternwünschen oder den Forderungen von Schule oder
irgendwem)." Entspannung und gelassene Freude finden
so einen fruchtbaren Boden. - Die Kreativität beginnt zu blühen.
Diese Verbindung von äußerer
Leistung und innerlich spürbarer Freude und Begeisterung dafür, hat
immer individuelle Wurzeln und wird üblicherweise an unseren
Öffentlichen Schulen nicht gesucht.
Auf der Strecke bleiben die Kinder.
Die daraus entstehenden
Spannungen zwischen innerem, nun kaum ausdrückbarem eigenen Bedürfnis (dann kann
auch nicht selbst gut dafür gesorgt werden) und äußeren Gegebenheiten
(viele Erwartungen und Druck), bilden vielfach die Grundlage für Gewalt
und Gegeneinander. Gegen sich selbst (z.B. Alkohol, Drogen, Achtlosigkeit,
Selbstzerstörung), das Du, den Mitschüler oder auch Mitmenschen (z.B.
Streit,
Konflikte, nicht einander zuhören und sich gegenseitig achten, sondern
sich gegenseitig bekämpfen).
Eine umsichtige Fürsorge für
Gleichgewicht *) - mit (auch!) Entwicklung der inneren Persönlichkeit,
Langsamer-werden und vor allem Sich-selbst-spüren und -beachten 'und'
leistungsbezogenem Mithalten im Außen - wäre also wichtig.
Das eine tun UND
das andere auch!
Wird dieses Gleichgewicht *)
von
Innen und Außen nicht schon in frühen Jahren (z.B. auch besonders durch
die Schule) grund-gelegt, dann ist das spätere Nachholen der notwendigen
Prozesse, das zum Ganzwerden eines gesunden Menschen unerlässlich ist,
meist langwierig und schmerzlich.
Beide Beine wollen gleichmäßig
eingesetzt, beide, Fersen und Ballen, gleichmäßig belastet, beide,
Verstand und Gefühl, immer beteiligt werden - bewusst.
Ausblick:
Natürlich bemühen sich alle Eltern eine gute Entwicklung ihrer Kinder zu
unterstützen und zu fördern. Doch die maßgebenden Impulse können nur
von der Schule kommen. Dort verbringen Kinder und Jugendliche viel Zeit
und dort wird auch die Entwicklung grund-gelegt. Entweder einseitig in
Richtung Leistung und Konkurrenz (gegeneinander) mit Blick und Orientierung im
Wesentlichen nach Außen oder in menschlicher, persönlicher und
'ganzheitlicher' Richtung (in Verbindung und miteinander), in die die Reformpädagogik heute schon
unterwegs ist.
Geist, Körper und Seele wollen wichtig genommen und genährt, das
Bewusstsein und die Sorge dafür gelehrt werden.
Nicht nur Ärzte, Therapeuten, Krankheiten
und entsprechende Forschung usw. sind Teile unseres Gesundheitssystems,
sondern - und das wird heute meist übersehen - ganz entscheidend auch
unsere Schulen.
*)
z.B. Gleichgewicht von Innen und Außen - Kopf und Bauch - Denken und Spüren
- Leistung und beschauliche, entspannte, zufriedene Ruhe - Tun und
Faulenzen - Tun, mit der Innenwahrnehmung begleiten und Spüren - Fersen und Ballen (beim
Gehen) - so wenig
Energieeinsatz (Anspannung) wie nötig und so viel Entspannung, wie möglich
- Ich und Du - Eigenes erzählen
und dem anderen aufmerksam zuhören - für sich sorgen und für andere auch
usw. - in dem Verhältnis, das persönlich in der jeweiligen Situation
gerade das beste ist.
Beide Seiten sollten also immer gleichzeitig und
'ausgewogen' beteiligt sein und dann auch etwas davon haben
(= win + win-Situation).
Ergänzung
dazu: Schule (7)
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Zt1 |
Der
Mensch lebt in und durch seine Beziehungen
- zu sich selbst (nach Innen) und
- zur Welt, zu den Eltern, dem Partner,
und anderen Menschen/Inhalten (nach Außen).
- Beginnen tut es mit 'nach Außen', doch
kann es nicht gut gehen, ohne auch 'nach Innen'
genau so wichtig dazu zu holen! - Nur dann kann
sich ein Mensch im Gleichgewicht und authentisch
entwickeln. - Beide Pole wollen gelebt und gut
miteinander verbunden / verbündet werden. |
Wer hilft mir und
meinem Sohn?
- ergänzt
Schule (6) -
Briefwechsel (Was tun?):
Situation und Frage:
S. klagt:
"Deinen Text 'Schule
(6) /
Un-Gleichgewicht' habe ich mit großem Interesse gelesen und dabei immer
wieder mit dem Kopf genickt. Ich bin traurig und spüre, dass mir das Herz
schwer ist. Denn mein 6-jähriger Sohn hat seinen Leidensweg in der Öffentlichen
Schule gerade begonnen. Er leidet und wehrt sich gegen das ständige
'muss' und ich leide und kämpfe gegen Schule und Lehrer um Verständnis
und Veränderungen. Das ist ein unmöglicher Zustand. Wenn wir so
weitermachen, werden wir vermutlich beide krank, noch bevor mein Sohn die
Volksschule wieder verlässt. - Vielleicht hast du für mich ein paar tröstliche
Gedanken?"
Antwort:
Ich lese, dass du leidest - und kann mir vorstellen,
dass das immer wieder belastend ist. Doch ich freue mich auch, dass
dich mein Text erreicht und berührt hat.
Es drängt mich, noch ein paar klärende Gedanken anzufügen:
Die heutigen Öffentlichen Schulen sind, so wie sie im Moment sind.
Dabei ist besonders wichtig, dass die Lehrer überhaupt nicht ausgebildet
und vorbereitet sind, in reformpädagogische Konzepte um- bzw. einzusteigen (es sei denn, sie haben sich privat dafür
interessiert). Das, was viele sich sicherlich von Herzen wünschen, dass
unsere Kinder erfahren dürfen, müssten zunächst mal die Lehrer erfahren
und damit ihren Aktionshorizont erweitern.
Doch das hängt nicht nur von der Bereitschaft der Lehrer, sondern vor
allem von der Politik und damit letztlich von uns allen ab (Wahlen,
Aktivitäten, persönlicher Einsatz).
Ich meine, dass ein 'kämpfen gegen' nicht nur ein vertaner und sogar
kontraproduktiver Energieeinsatz, sondern zusätzlich eine Behinderung jetzt sich bereits
abzeichnender, vorsichtiger, positiver Entwicklungsansätze wäre.
Denn - und das gilt auch für Lehrer und Öffentliche Schulen - jeder
macht es in jedem Augenblick so gut, wie er es gerade kann, verdient also
Respekt und Anerkennung für Seines.
Was nun? Ich glaube, wir sollten und könnten viel tun. In erster Linie
das Bestehende anerkennen. Mögliche Ansätze für Verbesserungen ausloten,
anregen und fördern. Aktive und positive Zusammenarbeit mit Schulen und
Lehrern anbieten und suchen. So könnte die Entwicklung in kleinsten Schritten in die Richtung
gelenkt werden, wie sie für unsere Kinder besser wäre.
Wir können also, gerade in solchen Situationen, mit gutem Beispiel
vorangehen.
Uns schlau machen und dann wissen, wo wir hinwollen, erkennen, was wo schon möglich
sein könnte und was beizutragen wir persönlich bereit wären.
Vorbilder sein, gerade auch für die Kinder, und Verbindung,
Achtung und Respekt vorleben, auch wenn in der Realität nur kleinste
Fortschritte (in den Öffentlichen Schulen) möglich sind.
Auch diese wollen dann aber anerkannt und gefeiert werden.
Die Alternative zu Öffentlichen Schulen müssen Öffentliche Schulen
sein.
Das Ausweichen auf Privatschulen mit reformpädagogischen Zielen ist zwar
eine kostenpflichtige Möglichkeit, aber eben nur für eine kleine
Minderheit. Doch die von dort kommenden Vorbilder und Erfahrungen können
wichtig, hilfreich und anregend sein.
Besonders wichtig wäre, dass die Öffentliche Schule nicht im "dafür"
oder "dagegen" stecken bleibt, sondern, dass sie die
Kinder (auch) an der Hand nimmt, um ihnen bewusst zu machen, dass es nicht
nur äußere Regeln (z.B. in der Familie, Schule und Gesellschaft) sondern
im Inneren eines jeden auch "eigene Regeln" (Bedürfnisse) gibt,
die es zu "erspüren" gilt.
So können Kinder "auch" lernen, bewusst sich selbst zu beachten
und eigenverantwortlich zu entscheiden, wissend, dass jede Entscheidung
Folgen und Wirkungen hat, für das Kind selbst und die Umgebung.
Das Ziel sollte immer sein:
"Damit ich Freude 'spüre' und es mir (und
anderen) so auch gut tut!
(und das setzt auch voraus: 'Entspannen- und Loslassen-können')"
Schule muss Freude mache - und zwar
doppelt: Im Kopf UND im Körper (spürbar!!).
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