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 Wiederkäuen

 miteinander reden

 

In einem Schulgebäude gehe ich den Gang entlang. Hinter einer Türe höre ich fröhliches Lachen und neugierig, wie ich bin, öffne ich leise die Türe, um hineinzuschauen. Kunterbunt sitzen Leute am Boden und hören interessiert einem Mann zu, der in ihrer Mitte lässig auf einem bunten Kissen sitzt. Sein markantes Gesicht ist faltig und hager, ganz von einem kurzen Bart bewachsen, der sich in den genauso kurzen Kopfhaaren fortsetzt. Die Augen lachen hinter seiner runden Brille, das Gesicht schmunzelt. 

Er sieht mich und winkt mich herein. Ich setze mich am Rande dazu. Und er erzählt weiter:

Das mit dem 'miteinander reden' ist so eine Sache!
Zu was reden wir denn eigentlich miteinander? - Auf der gleichen Ebene?
Ich spreche also hier nicht von unterschiedlichen Ebenen wie Lehrer / Schüler,
Arzt / Patient, Chef / Mitarbeiter, Fach-Person / Hilfesuchender usw.

Das gute Gespräch von Mensch zu Mensch sucht den Kontakt, will das Eigene zeigen (beschreiben), einander zuhören und vielleicht die Stellungnahme des Du erfahren um mehr vom Du kennen zu lernen. Das verlangt, sich gegenseitig wichtig zu nehmen und so gelten zu lassen - ohne fordernd, bestimmend oder mit sogenannten guten Ratschläge, Behauptungen oder Besserwisserei (Versuche der Fremdbestimmung) einzugreifen. - Es bietet viel Raum für klärende und vielleicht sogar wegweisende Fragen zum jeweiligen Erzähl-Text.

Es geht also um 'miteinander teilen' und Anteil nehmen! 

Das bewirkt, einander zu berühren und so mehr voneinander zu spüren!

'Zusammenkuscheln' - das kennt ihr sicherlich alle. Gut miteinander reden ist etwas ähnliches mit Worten!

 

Oft höre ich, dass sogenannte Gespräche nur aus 'Wiederkäuen und Bestätigen' bestehen.

z.B. Wie wenn sich ein Ochse und eine Kuh begegnen. Die Kuh hat gerade Heu gefressen. Nun lässt sie etwas davon hochkommen, schiebt es vor und zwischen die Zähne und sagt: "Ich habe gutes Heu gefressen, gutes Heu, gutes Heu, gutes Heu." Sie erzählt also, was sie gerade tut oder getan hat. - Nicht mehr und nicht weniger.
Und der Ochse bestätigt: "Ja, ja - gutes Heu, gutes Heu, gutes Heu!"

Zwischen Menschen hört sich das dann so oder ähnlich an: "Und dann habe ich eingekauft - und dann hat Otto dies gesagt - und dann hat Jens jenes gemacht - und dann habe ich mir gedacht - und dann haben sich bestimmt die anderen gedacht - und dann habe ich mir in der Ausstellung ein wunderbares Bild angeschaut - und dann habe ich ein Theater besucht - und dann - und dann - und dann - - - - . Und das ist richtig - und jenes ist falsch - und das darf man doch nicht - und das ist unmöglich - usw.

 

Auch bei Menschen ist wiederkäuen wichtig und wertvoll - leise, oder auch laut - zum Zwecke des Verdauens (inneres Verarbeiten). Es wird 'sortiert', das höchst-persönlich Nützliche und Wertvolle also vom höchst-persönlich momentan nicht Verwertbaren getrennt.
Wertvolle und nützliche Anteile werden dann nach Innen geholt, so umgebaut und verändert, dass sie in das Eigene (Alltag) eingefügt werden können - egal, ob geistig oder körperlich - und damit wird die  eigene  Fülle gemehrt. 
Der Mensch lebt - bewegt sich - wächst und entwickelt sich weiter - in der eigenen  Art.
Der Rest wird ausgeschieden (als persönlich nicht verwertbar verworfen).

 

Wiederkäuen wird jetzt erkennbar als ein Teil des laufenden Lebens-Prozesses. 

  Die persönliche Beteiligung des Erzählenden wird verständlich. 
 

Mit welchem Ziel wird gerade Nahrung aufgenommen und Aufgenommenes sortiert?
 

Welche eigenen Erfahrungen, Gefühle, Freuden und Schwierigkeiten treten dabei auf?
 

Welche Wünsche und Bedürfnisse, Ziele, Träume und Sehnsüchte sind da? 
 

Welcher persönliche Gewinn wird erlebt?
 

Wie soll es weitergehen?

 

Welches sind die Gesprächs-Ziele? - Für beide ?

Das Erlebte (mit-) zu teilen? Damit den 'Genuss' (für beide) zu mehren? 

Das Erlebte (mit-) zu teilen, um so 'im Erzählen davon' selbst besser sortieren zu können?  (Das Aussprechen und damit Herauslegen hilft sehr - ähnlich auch das Aufschreiben)

Das Erlebte (mit-) zu teilen, um selbst besser sortieren zu können, die eigenen Ziele zu erklären und dazu die höchst-persönliche Stellungnahme bzw. Fragen des Du zu erbitten? (Fragen, die am Erzähl-Text anknüpfen, helfen, Hintergründe, Motive und Zusammenhänge klarer und verständlicher zu machen. Für den Erzählenden selbst - und auch für den Zuhörer.)

 

Wiederkäuen 'und' das  eigene  Bewegtsein, die eigenen Bedeutungen dazugeben (jetzt wird es "persönlich"):

"Und dann habe ich eingekauft  (Es musste mal wieder sein. Ich nehme mir das ja schon eine Weile vor, finde aber immer wieder für mich andere Ausreden - du kannst auch sagen andere Dinge, die mir wichtiger sind und mir mehr Spaß machen. Heute habe ich mich überwunden. Und jetzt bin ich richtig froh!) - und dann hat Otto dies gesagt ....  ( Das hat mich elend geärgert. Ich habe mich da persönlich angegriffen gefühlt. Ich will mir das noch mal durch den Kopf gehen lassen, was mich da genau ärgert und was das mit mir selbst zu tun hat. Dann werde ich es vielleicht mit Otto zu klären versuchen. Ich möchte nicht, dass Unklarheiten oder schlummernde Vorwürfe unter dem Teppich unsere Beziehung belasten.) -  und dann hat Jens .........    usw.

 

Wiederkäuen - im Sinne von erzählen (Inhalt 'und' eigene  Bedeutungen) 'und' Anteil nehmen (lassen):

z.B. Karla trifft Anton auf dem Nachhause-Weg. Sie lädt ihn ein zu einer Tasse Kaffee, um ein bisschen miteinander zu reden. Sie haben eine ganze Weile nichts mehr voneinander gehört. Das Kaffee ist ein guter Ort, um sich vom Straßenlärm und der üblichen Hektik zurückzuziehen und so mehr Konzentration füreinander zu finden. Karla hat viel erlebt und möchte selbst viel (mit-) teilen.  

Doch zunächst fragt sie und ist bereit erst mal zuzuhören (stellt damit guten Kontakt/Verbindung her):  "Na - Anton - was bringst Du denn so aus dem heutigen Tag mit - und wie ist es Dir bisher gegangen? - Bei unserem letzten Gespräch hast du erzählt, dass es in deiner Partnerschaft Verständigungsschwierigkeiten mit vielen Missverständnissen gibt. - Ihr wolltet da gemeinsam Neues anpacken? Ging das? Wie weit seid ihr? - Erzähl - wenn du magst! - Ich bin ganz gespannt!"

Nun erzählt Anton. Je mehr er von und über sich mitteilt, desto wärmer, weicher und tiefer wird das Gespräch. Ergänzende Fragen von Karla helfen weiter. 
Schließlich ist der aktuelle Stand erreicht. Anton hat erzählt, was er bisher alles erlebt und gespürt hat, wo er morgen hin will und was er sich da alles vorgenommen und ausgedacht hat. 

Nun fragt er seinerseits Karla:
"Und du? - Ich habe nun so viel von mir erzählt! - Nun bin ich aber auch ganz neugierig auf Dich!"

Nun teilt Karla   ihr Eigenes  mit Anton!

Nach 2 Stunden sind sie auseinandergegangen - und jeder ist  für sich  - in der Begegnung mit dem anderen - reicher geworden! - Spürbar froher!

 

Wiederkäuen,
kann 'miteinander reden' sein. Wenn  beide das so wollen.
Es kann auch mehr an der Oberfläche bleiben, aber eben dann auch ergänzt mit dem Persönlichen, mit Gefühlen und Eigenem.

"Ich über mich!"    und    "Du über dich!"

 

Zeit- und Energie-Verschwendung ist es im Regelfall, wenn es heißt:  "Wir über andere!" - Wo bleibt da das Persönliche? 
Zerstörerisch ist "Ich über dich!" (Du bist .., du hast .., du musst halt .., du kannst doch .. usw.).

Weiterführen können Fragen: 
bei anderen: "Was hat das mit mir zu tun?  -  Was hat das mit uns zu tun?"
beim Du:       "Was will / brauche / wünsche  ich  jetzt  für mich  von dir?"

Jetzt kann das Gespräch dorthin zurückkehren, wo es  beiden persönlich  wirklich was bringt, nämlich zu  "Ich über mich!"  und  "Du über dich!".

Doch - bedenkt bitte immer auch, wir sind alle Menschen - wir irren uns und machen auch Fehler, auch beim 'miteinander reden'. Was ich euch hier erzählt habe, sind Anhaltspunkte, um es besser zu gestalten. Das wichtigste aber, was gute Gespräche brauchen, sind Zuwendung, Interesse, Geduld, Nachsicht, Wohlwollen, Vertrauen und Respekt. Die Bereitschaft zuzuhören und dann auch die Bereitschaft sich selbst mit dem Eigenen verständlich zu machen. - Also die Bereitschaft, das Du wahrzunehmen und sich selbst zu zeigen.

 

Ja - eigentlich ist es ganz einfach, gut miteinander zu reden! 
Aber vielleicht ist es gerade deshalb so schwierig. 
In jedem Fall verlangt es viel Aufmerksamkeit und persönliches Engagement!
Und immer wieder das  bewusste  Bedenken der schon vorhandenen und noch mehr gewünschten Qualität der Beziehung (Freundschaft, Partnerschaft usw.).
"Bist du mir das wert?   Bin ich dazu bereit?   Bist du auch bereit?   Bin ich dir das wert?"

Und nun habe ich mir eine Gesprächs-Pause verdient!
Pausen sind übrigens auch sehr wichtig zum Wiederkäuen und Verdauen!"

Und lachend steht er auf - und räkelt sich stöhnend und seufzend.

 

Schon interessant - finde ich - dieser Mensch - und das, was er da gesagt hat. 
Mit diesen Gedanken schlüpfe ich wieder aus dem Raum hinaus und gehe weiter.

 

F-ok
ZL = in der Zentralen Linkliste vorgemerkt 

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Sept.06

siehe auch:   Anders    Entwickeln    Erzählen    Gespräche   Gewaltfreie Kommunikation     Kommunikation  
                    Miteinander reden      Verarbeiten  

                 Die Verweise auf einschlägige Texte in ALLTAG bzw. LABYRINTH sind vor allem bei den o.a. Einzeltexten!

>ZL              ALLTAG / Miteinander reden  

  

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